Sylter Märchen


Die Sylter „Ureinwohner“ lieben die Geschichten ihrer Vorfahren und seit so viele Menschen auf die Insel kommen, gibt es noch mehr interessante Ereignisse, über die man sich trefflich austauschen kann. Glaubt man einem alten Sylter Pastor aus dem 18. Jahrhundert, dann stehen die Sylter eher auf merkwürdige, schaurige und mystische Geschichten “Sie sind plauder- und schwatzhaft, zum Aberglauben geneigt und hängen noch sehr an Gespenster- und Hexenmärchen”, lautete damals sein Urteil und vielleicht hat er ja damit recht. Allein die Geschichte des Pidder Lüng, dem der deutsche Dichter Detlev von Liliencron (1844-1909) eine Ballade widmete, zieht da alle Register und erzählt von dem heroischen Widerstandsgeist der Friesen, die sich von Nichts und Niemandem etwas befehlen lassen wollten, schon gar nicht von den dänischen Besatzern. „Lewwer duad üs Slaaw!“ – Lieber tot als Sklave, das war sein von Generationen von Friesen überlieferter Wahlspruch. Berühmt und berüchtigt wurde er durch eine offen ketzerische Tat. Pidder Lüng und seine Eltern saßen gerade beim Abendessen, als ein adliger dänischer Steuereintreiber die spartanische Hütte betrat und ihn erfolglos aufforderte seine Steuern zu entrichten. Daraufhin begann er ihn und seine Eltern zu verspotten, zu demütigen und zu guter Letzt spuckte er noch in den Topf mit frisch gekochten Grünkohl. Mit dieser Maßnahme war der dänische Steuereintreiber bei Pidder Lüng offenbar an der falschen Adresse. Er sprang auf und rief erbost: “Wer in den Kohl spuckt, der soll ihn auch fressen!” Und noch ehe der Däne wusste, wie ihm geschah, steckte sein Gesicht im dampfend heißen Kohlgemüse. Pidder drückte den Kopf so lange in den Topf bis sich der Mann nicht mehr rührte… Vor den heran nahenden dänischern Häschern verließ Pidder fluchtartig die Insel und kreuzte von da an mit Gleichgesinnten ruhelos übers Meer. Der anfangs noch als Freiheitskämpfer verehrte Pidder Lüng entwickelte sich leider mit der Zeit zum gemeinen Seeräuber. Und es nahm kein Gutes Ende. Pidder Lüng wurde vor Gericht gestellt. Das Urteil: Tod durch den Strang. Sein Lebenslicht und das von sechs seiner Spießgesellen verlöschte auf dem Galgenhügel bei Munkmarsch, an der Ostseite von Sylt. Heute kommen keine dänischen Steuereintreiber mehr in Sylt vorbei, sondern nur noch urlaubssüchtige Menschen aus allen Ländern und die lassen ihr Geld unaufgefordert auf diesem Eiland. Und dafür müssen sie auch nicht in alten Fischerhütten übernachten, wie Pidder Lüng, sondern tun das in modernen Hotels, Ferienwohnungen und Campingplätzen. Noch zu Hunderten von Kilometern entfernt, suchen sie sich schon Tage oder Wochen zuvor zielgenau ihre Behausung aus, in der sie später dann punktgenau eintreffen. Das liegt daran, dass diese modernen Menschen Geräte haben, in den sie ihr „Übernachtungsgesuch“ eingeben können, z.B. „Hotel Westerland“ oder „Ferienwohnung Kampen“. Kaum ist dieser Wunsch eingegeben, recken sich den Urlaubsüchtigen zahllose Angebote entgegen, von denen sie dann nur noch eins auswählen müssen. Könnte glatt eins der neuen Sylter Märchen sein…

Geschrieben von Presse Mettlerweb.de am Donnerstag, 3. September 2009 mit Kein Kommentar.

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